Derzeit soll es so viele freie Lehrstellen wie schon seit 20 Jahren1 nicht mehr geben. Doch parallel dazu sind mehr als 230.000 Jugendliche2 im Alter von 15 bis 25 arbeitslos – da frage ich mich sicher nicht allein, wie das sein kann? Auf der einen Seite ist mit Sicherheit ein Problem, dass viele Jugendliche weder eine Berufswahlreife noch eine Ausbildungsreife erlangt haben – doch kann das allein des Rätsels Lösung sein?

Dieselbe Frage stellte sich wohl auch das Karriereportal Ausbildung.de,  denn es hat mehr als 2.000 Auszubildende dazu befragt …

  • was ihnen wichtig war, als sie den Arbeitsmarkt betraten,
  • wie schwer es war eine passende Ausbildungsstelle zu finden und
  • wie zufrieden Sie sowohl mit ihrem Ausbildungsbetrieb als auch der Berufsschule sind.

Darüber hinaus wurden über 20 Berufsschullehrer gefragt, wie die Berufsvorbereitung in der Sekundarstufe I beurteilen.

Klingt spannend? Ist es auch!

Statistische Ausgangsbedingungen für den Azubi-Report 2016

Wer wurde befragt?

  • 23 Berufsschullehrer
  • 2180 Auszubildende
    • davon 57,7 % männliche Auszubildende,
    • 42,3 % weibliche Auszubildende,
    • mit einem Durchschnittsalter von 20 Jahren
    • 37,3 % im ersten Ausbildungsjahr
    • 42,8 % im zweiten Ausbildungsjahr
    • 19,6 % im dritten Ausbildungsjahr

Wann fand die Befragung statt?

  • im März bis Mai 2015

Aus welchen Branchen stammten die Auszubildenden?

  • ca. 27 % aus dem Handwerk
  • ca. 21 % aus dem Handel
  • ca. 11 % aus der Gastronomie und Tourismus
  • der Rest aus den Branchen Gesundheit & Sport, IT, Büro & Personal, Naturwissenschaft & Pharmaindustrie, Finanzen & Steuern, Transport & Logistik, Gestaltung & Medien sowie Tierpflege.

Der durchschnittliche Auszubildende

Aus den gesammelten Daten wurde das Bild eines durchschnittlichen Auszubildenden entworfen, der …

  • einen Realschulabschluss besitzt,
  • 20 Jahre alt ist,
  • 18 Bewerbungen schreiben musste, um angenommen zu werden,
  • meist in den Branchen Handwerk, Handel oder Gastronomie & Tourismus tätig ist,
  • zufrieden mit seinem Beruf ist,
  • allerdings unter dem wachsenden Druck der Ausbildung und des Berufslebens leidet,
  • lieber im Betrieb arbeiten geht, als die Berufsschule besucht und
  • 655 Euro im Monat verdient.

Die Betonung liegt hier auf durchschnittlich. Ich kenne viele Branchen und Betriebe, in denen die Ausbildungsvergütung weit unter 655 Euro liegt.

Für Ausbilder relevante Erkenntnisse aus dem Azubi-Report 2016

Den vollständigen Azubi-Bericht 2016 kannst du dir durch einen Klick auf den verlinkten Text durchlesen. Im Folgenden möchte ich dir nur die wichtigsten Erkenntnisse zusammenfassen, die auch für deine Tätigkeit als Ausbilder relevant sind:

  • Wie eingangs schon erwähnt ist das Thema Berufswahlreife ein wichtiger Ausgangspunkt für eine zufriedenstellende Berufswahl. Leider werden nur im Falle von durchschnittlich Dreiviertel der Befragten die Erwartungen an den jeweiligen Beruf erfüllt. Ein nicht unerheblicher Teil von ca. 14 % beklagt, dass sie mehr von dem Beruf erwartet haben. Dafür wurden die Erwartungen von 9 % der Befragten sogar übertroffen.
  • 41 % der Befragungsteilnehmer fühlen sich schlecht auf das Berufsleben vorbereitet. Vor allem Hauptschulen und Gymnasien kommen dieser Aufgabe kaum bis gar nicht dar. Aber auch Real- und Gesamtschulen können definitiv noch nachbessern.
  • Große Probleme seien hierbei die Suche nach einem passenden Ausbildungsberuf, das Schreiben von Bewerbungen, aber auch die Selbstpräsentation in Vorstellungsgesprächen.

Als Ausbilderin möchte ich dem anfügen, dass es oft auch an Grundwissen mangelt. Simple Deutsch- und Mathekenntnisse fehlen leider viel zu oft und müssen dann erst mühsam im Betrieb und der Berufsschule wieder vermittelt werden. Dafür werden in den letzten Schuljahren häufig Inhalte vermittelt, die weniger relevant für das Arbeiten in den Berufen, die vorrangig  von jungen Menschen ergriffen werden.

  • Fast die Hälfte aller jungen Menschen sucht im Internet nach Lehrstellen.
  • Viele Auszubildende im Handwerk verdienen weniger als Mini-Jobber.
  • Für nur 29 % der Auszubildenden reicht die Ausbildungsvergütung, um davon den Lebensunterhalt zu bestreiten. Die anderen benötigen Unterstützung von ihrer Familie, brauchen ihre Ersparnisse auf, haben noch einen Nebenjob, neben einen Kredit auf oder erhalten Berufsbildungsbeihilfen.
  • Vierfünfte der Befragten beklagen, dass der Ausbildungsalltag kaum oder gar nicht strukturiert abläuft und sie auch nur selten genau wissen, welche Aufgaben eigentlich in ihren Zuständigkeitsbereich fallen.
  • Nicht nur Erwachsene leider unter großen Druck. Auch die Befragten gaben an, durch die Anforderungen „mehr Flexibilität, mehr Multitasking, mehr Engagement“ in Stress zu geraten.

Mehr dazu kannst du im Azubi-Report 2016 nachlesen!

Konsequenzen für Unternehmen aus dem Azubi-Report 2016

  • Ausbildungsbetriebe müssen so genau und ehrlich wie möglich darstellen, welche Anforderungen sie an ihre Auszubildenden stellen – aber genauso, mit welchen Herausforderungen sie locken. Dementsprechend müssen diese Versprechen auch eingehalten werden, damit es zu weniger Enttäuschungen auf beiden Seiten kommt.
  • Unternehmen müssen Praktika, Ferienarbeit und Events wie den Girl’s- und BoysDay nutzen, um sich zu repräsentieren und reelle Einblicke in das Berufsleben zu bieten.
  • Die Bewerbungen von jungen Menschen dürfen nicht mit den Augen eines Personalers gelesen werden, der sich sonst um die Bewerbungsunterlagen von Erwachsenen kümmert. In Schulen wird das Bewerbungstraining nicht selten von Lehrern vermittelt, die selbst nicht auf dem neusten Stand sind. Dadurch wirken Anschreiben oft abgedroschen und viel zu überladen, Lebensläufe beinhalten aber zu wenig Informationen.
  • Da Auszubildende vorrangig über das Internet nach geeigneten Berufen und freien Lehrstellen suchen ist es immens wichtig, dass der Online-Auftritt von Ausbildungsunternehmen dementsprechend gestaltet ist. Ein bloßer Hinweis „Wir bilden aus“ reicht nicht aus – viel wichtiger sind genaue Details zu dem jeweiligen Beruf, Anforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten.
  • Vor allem das Handwerk beklagt dieses Jahr, dass scheinbar viele Lehrstellen nicht besetzt werden können. Zugegeben, auch wenn sich das Gerücht hartnäckig hält – nicht jeder ist für einen handwerklichen Beruf geeignet. Schon gar nicht mit schlechten Noten, da viele Berufe doch ein Mindestmaß an mathematischem Verständnis erfordern. Aber ein Aspekt, weshalb sich gut gebildete junge Menschen nicht für Handwerksberufe interessieren ist einfach die schlechte Bezahlung. Wenn du die Wahl hättest zwischen einem Handwerksberuf mit einer durchschnittlichen Bezahlung von 370 Euro und einer Ausbildung in der IT-Branche mit durchschnittlich 775 Euro – wo würdest du arbeiten?
  • Darüber hinaus müssen Ausbilder fit in den finanziellen Fördermöglichkeiten für Auszubildende sein. Nur so kann gewährleistet werden, dass neben Prüfungsangst nicht ein weiterer Grund für einen Ausbildungsabbruch die Existenzangst wird.
  • Ausbilder müssen mehr Freiräume erhalten, um ihrer Ausbildertätigkeit nachgehen zu können. Neben dem normalen Arbeitsalltag muss genügend Zeit verbleiben, sich mit den Auszubildenden intensiv zu beschäftigen und die nächsten Schritt der Ausbildung zu planen. Nur so kann mehr Struktur Einzug halten, mit der auch Auszubildenden ein Gefühl von Sicherheit vermittelt wird.
  • Natürlich sind Lehrjahre keine Herrenjahre, aber dennoch sind Auszubildende eben noch keine Fachkräfte – und genauso sollten sie auch behandelt werden. Vor allem in den ersten beiden Ausbildungsjahren ist es wichtig, genug Zeiträume einzuplanen, in denen Auszubildende ausprobieren können, ihre beruflichen Handlungen selbstständig zu planen, durchzuführen und zu kontrollieren. Klappt dies erfolgreich, folgt die Belohnung im dritten Ausbildungsjahr.

Konsequenzen für das Bildungssystem aus dem Azubi-Report 2016

  • Es müsste mehr Pflichtpraktika in der Schule geben – die nicht einfach nur bei den Eltern absolviert werden, weil es für alle Beteiligten einfacher wäre. Die Kinder und jungen Menschen müssen raus – ins wirkliche Berufsleben und sehen, was sie erwartet.
  • Es sollten Auflagen geschaffen werden, dass das Bewerbungstraining in Schulen von externen Trägern übernommen wird, die Schüler optimal auf die Bewerbungsphase vorbereiten können.
  • Wenn 71 % der Auszubildenden von ihrer Ausbildungsvergütung nicht leben können, bedarf es entweder anderer Auflagen für Ausbildungsbetriebe oder niedrigschwelligere Angebote für Ausbildungsbeihilfen.
  • Ein weiterer Schritt wäre es, wenn bereits in der Schule über Fördermöglichkeiten während der Ausbildung beraten werden würde.

Nun interessiert mich natürlich brennend, wie es dir in der Ausbildung erging/ ergeht. Oder bist du vielleicht selbst Ausbilder? Dann schreib mir bitte, welche Probleme du so siehst. 🙂

Fußnoten

  1. Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/ausbildung-so-viele-freie-lehrstellen-gab-es-seit-20-jahren-nicht-a-1089524.html
  2. Quelle: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/36739/umfrage/jugendarbeitslosigkeit-nach-bundeslaendern/

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