Einhornpower – Der Wahnsinn ist manchmal so nah 8


Einhornpower - Der Wahnsinn ist manchmal so nah

Gerade ist es 10:13 Uhr am 22. Juli 2016. Wir wollen in zwei Stunden für einen Kurz-Trip nach Hessen losfahren. 500 km. Bei 30°C. PanikUnser Sohn rennt aufgeregt um mich herum und kann kaum abwarten, bis Papa eeeeeendlich aus dem Büro wieder da ist und wir eeeeenndlich losfahren – zu Uromi, Opa, Onkel und Freunden. Unser Katerchen klebt förmlich an mir – als wüsste er, dass ich nun zwei Nächte nicht zum Kuscheln da bin. Und auch einige organisatorische Sachen nicht wie gewünscht gelaufen – aber nun nicht mehr änderbar.

[alert style=“danger“]

Eigentlich steht auf meiner To-do-Liste:

  • Kundenaufträge vorarbeiten
  • Koffer fertig packen
  • Wäsche waschen
  • Fegen
  • Einkaufen
  • Tiere versorgen
  • Gastgeschenke besorgen
  • Duschen
  • Bank
[/alert]

Gerade fehlen nur noch weiße Mäuse, die auf meinem Laptop tanzen und das Chaos wäre perfekt. *lach*

Und ich sitze hier und schreibe, denn ich habe vor einigen Jahren bitter lernen müssen, dass es jetzt ohnehin nichts bringen würde, etwas anderes zu tun, als das Ganze mit Humor zu nehmen. Außerdem war die Einladung von Isabel Falconer zur Blogparade „Mama ausgebrannt“ ohnehin viel spannender. 🙂

Drehen wir die Uhr ein paar Jahre zurück

Heute vor vier Jahren war ich mitten in meinem schlimmsten Tief. Ob es wirklich Depressionen oder Burnout waren, habe ich nie von einem Therapeuten diagnostizieren lassen – unsere Hausärztin war auf jeden Fall fest davon überzeugt, dass es ein waschechtes Burnout war.

Die damalige Situation in Kurzfassung: Es ging nichts mehr.

Unser Kind (damals 4) versorgen, das Haus verlassen, einkaufen, weiter studieren, arbeiten, telefonieren – ja selbst duschen und der Gang zur Toilette fielen mir irgendwann so schwer, dass ich es so gut wie möglich ließ. Ich lag oftmals tagelang im Bett, die Decke über den Kopf und sah zu, wie das Leben an mir vorbeizog. Zurückblickend muss ich sagen, dass es damals einfach nicht anders ging – ich hatte einfach keine Kraft mehr.

Mein Mann kümmerte sich in der Zeit Gott sei Dank liebevoll um unseren Sohn und mich – ich wüsste sonst nicht, ob ich mich nicht eventuell doch vom Leben verabschiedet hätte, denn damals fühlte ich mich nicht einfach nur sch…, sondern war zusätzlich noch eine Belastung für meinen Mann, meine beste Freundin (die aufopferungsvoll wo es ging versuchte mich telefonisch durch diese Phase zu begleiten – selbst wenn es nur schweigend war), faul und eine schlechte Mutter.

Der Weg aus dem Tal

Irgendwann ging es nicht mehr vor und zurück und die Vorstellung einfach nicht mehr aufzuwachen wurde immer verlockender. Da rang ich mich durch, doch zu unserer Hausärztin zu gehen. 

[alert style=“danger“]

Randnotiz: Ich gehöre zu der Spezies Mensch, die erst zum Arzt geht, wenn der Kopf bildlich betrachtet schon fast unter dem Arm ist. 😀

[/alert]

Die Gute war entsetzt über meinen Zustand. Kann ich mir gut vorstellen, denn ich saß verheult, mit fettigem Haar, ungeschminkt und todmüde vor ihr. Ich selbst hätte mich wahrscheinlich bei einem Blick in den Spiegel erschrocken – doch den hatte ich schon vor Monaten aus meiner Wahrnehmung verbannt.

Sie zog mich erstmal aus dem Verkehr und verschrieb mir eine Mineralsalz-Therapie. Etwas Anderes hätte ich in dem Moment auch ertragen. Ich wollte weder zum Therapeuten, noch „richtige“ Medikamente nehmen – sondern einfach irgendwie wieder auf die Beine kommen.

Parallel dazu hatte mein Mann Kontakt zu meinem Mentor (mehr dazu auf meiner Über-mich-Seite) aufgenommen und ihm meine Lage geschildert. Nachdem die Mineralsalz-Therapie zumindest soweit wirkte, dass ich wieder freiwilliger den Telefonhörer abnahm, fingen wir an lange Gespräche zu führen. Über die Ursachen dieser Phase und was ich dagegen tun konnte.

Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass folgende Dinge hineinspielten:

  • Meine Überlastung als Mutter, Studentin, Selbstständige, Ehefrau, Hausfrau und Freundin: Ich wollte alle Rollen perfekt erfüllen – und geriet dadurch in einen Strudel falscher Gedanken, durch die ich letztlich gar keiner Aufgabe mehr gewachsen war.
  • Falsche Glaubenssätze, die ich noch aus meiner Kindheit mit mir trage.
  • Ein Studium, an dem mir nichts mehr lag, dass ich aber nicht beendete.
  • Die falschen Projekte, in die ich meine Zeit und Kraft als Selbstständige investierte.
  • Damit in Verbindung meine Empathie, die mich die Probleme anderer viel zu sehr mitfühlen lässt.
  • Und eine riesen Portion Zukunftsangst.

Manchmal muss man einfach geschubst werden

Der Weg aus diesem Tal war lang. Insgesamt habe ich fast ein Jahr meines Lebens an diese Phase verschwendet.

  • Ein Jahr, an das ich kaum Erinnerungen habe.
  • Ein Jahr, dass mich aber trotzdem den Rest meines Lebens begleiten wird.

Rückblickend muss ich sagen, dass ich Glück hatte. Mein Mann stand in dieser Phase zu mir, ohne mir jemals auch nur einen Vorwurf zu machen. Meine beste Freundin hörte sich all die Monate mein Weinen, Schluchzen, Jammern und Schweigen an, ohne zu Murren. Und mein Mentor schubste mich einfach ins kalte Wasser:

Seit 2011 arbeitete ich schon als Dozentin – allerdings in Reaktivierungsmaßnahmen für Langzeitarbeitslose …. hartes Pflaster für junge Menschen, die denken, sie könnten noch die Welt verändern. Ich ertrug das Leid und die (rechtlichen) Widersprüche, die mich ständig umgaben irgendwann nicht mehr. Irgendwie haben diese knapp 1,5 Jahre mein ganzes Weltbild erschüttert – und die Arbeit mir meine Kraft genommen.

[alert style=“success“] Herr Walter schlug mir damals vor, einen ganz anderen Weg zu gehen. Ich sollte Ausbilder ausbilden bzw. Dozentin werden. Fernab von Bildungsgutscheinen und aufgezwungenen Maßnahmen. Eigentlich sollte mein erster AEVO-Kurs direkt noch 2012 starten, aber ich konnte einfach nicht – das wäre zu viel gewesen. Doch im Februar 2013 fand ich keine Ausreden mehr und er stellte mich einfach vor eine Gruppe. Und genau das war die große Wende. Mir ging es zwar wieder besser, aber dieser Kurs und die bestandenen Prüfungen der Teilnehmer katapultierten mich zurück ins Leben.[/alert]

Von dort an ging es mit großen Schritten in Richtung Genesung. Schon im April stand ich vor dem nächsten Kurs – und seitdem unterrichte ich regelmäßig und sehr sehr gerne. Allerdings nicht mehr wie früher.

Sich Grenzen setzen und diese akzeptieren

Insgesamt musste ich lernen, mehr auf mich zu hören – und weniger auf die Bedürfnisse von Anderen. Wie ich schon in meinem Artikel „Entspannt selbstständig – nicht so einfach wie man denkt“ schrieb, musste ich meinen eigenen Weg finden und mir selbst Grenzen setzen, denn die dunklen Täler rücken immer mal wieder in meine Nähe.

Heute ist ein guter Tag, trotz des Chaos – aber ich fühle an manchen Tagen auch noch diese große Leere, die mich immer mal wieder zu verschlingen droht.

Daher habe ich versucht mir ein paar Regeln aufzustellen, an die ich mich immer wieder erinnern muss, um sie nicht zu vergessen:

  • Ich arbeite nur mit Teilnehmern, die freiwillig bei mir sind.
  • Ich versuche nicht mehr mit Kunden zusammenzuarbeiten, deren Zahlungsmoral schlecht ist. Die daraus resultierende Angst, wegen großer Außenstände selbst Rechnungen nicht bezahlen zu können ist einfach zu hinderlich im Alltag.
  • Ich teile mir meine Arbeit anders auf. Zwar arbeite ich dafür aber am Wochenende, doch unter der Woche habe ich dafür mehr Puffer, um meinen eigenen Interessen nachzugehen.
  • Ich arbeite nur mit Kunden zusammen, die mich so nehmen wie ich bin. Mein Lieblingsbeispiel ist hier der pinke Nagellack: Wenn einen Kunden etwas derart Banales stört, dann muss er sich einfach einen anderen Dozenten suchen.
  • Eine Mahlzeit am Tag nehmen wir zusammen als Familie ein – mit Gesprächen über den Tag … ganz normal … ganz in Ruhe.
  • Ich lasse mein Handy fast immer lautlos oder ganz zuhause, wenn ich nicht gerade zwingend erreichbar sein muss für die Schule oder telefonische Gespräche vereinbart wurden.
  • Ich versuche meine alten Glaubenssätze abzuschaffen.
  • Ich trenne mich von Menschen und Dingen, die mir nicht guttun.
  • Weniger über Situationen schimpfen, sondern sie annehmen und das Beste daraus machen.

Tja und mit diesen Regeln versuche ich auf Abstand zu dunklen Tälern bzw. dem Wahnsinn zu bleiben. 🙂

Ein paar Hinweise zum Schluss, weil ich nicht missverstanden werden möchte:

  • Wer mich näher kennt weiß, dass ich viel arbeite – aber ich tue es gerne – und dadurch ist es für mich kein Stress. Natürlich bin ich auch manchmal genervt, wenn es doofe Aufgaben sind – aber das geht sicher vielen so. Aber abgesehen davon bin ich zufrieden damit, nicht in den Urlaub zu fahren oder Abends fernzusehen – dafür freue ich mich eben Nachmittags drei Stunden für meine Männer frei zu haben oder mir einfach einen erholsamen Mittagsschlaf zu gönnen.
  • Ich würde meine Variante, keine bzw. erst sehr spät ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen nicht unbedingt weiterempfehlen. Aber für mich wäre es einfach nur noch mehr Stress gewesen!

So, und nun muss ich aber noch schnell duschen, für die Tiere einkaufen und zur Bank – sonst wird das nichts mehr mit der Fahrt und dem Versorgen der Tiere. Das Haushaltsding geht am Montag auch noch. Und arbeiten werde ich einfach von unterwegs aus. 🙂

Einhornpower! 😉


Hast du Feedback? Dann immer her damit! :)

8 Gedanken zu “Einhornpower – Der Wahnsinn ist manchmal so nah

  • Manu

    Hi Katja, der Artikel ist einfach so wie du bis: einfach ehrlich und – naja – ein bisschen chaotisch.

    Das mit den Regeln finde ich klasse. Diese Idee werde ich bestimmt aufnehmen.

    LG

    Manu

    • Katja Autor des Beitrags

      Huhu Manu,

      Danke für deine lieben Worte!

      Das mit den Regeln ist gar net so einfach einzuhalten! *grins* Aber es macht es etwas einfacher – zu mal mein Mann mich hin und wieder darauf schubst, wenn ich mal wieder drohe meine Grenzen zu überschreiten. 🙂

      Liebe Grüße,
      Katja

  • Bianca

    Hallo Katja, meine (theoretische Regel) dazu lautet: Nimm dich selbst mindestens ein klein wenig wichtiger als alles andere! Diesen Anspruch, allen gerecht zu werden, kenne ich auch – es wird aber besser, je älter man wird 🙂 Lieben Gruß, Bianca

    • Katja Autor des Beitrags

      Huhu 🙂

      Ich habe gerade entdeckt, dass mein WordPress mir Kommentare verheimlicht hat. 😮

      Der Spruch ist leider wahr – aber so schwer umsetzbar im Alltag. *seufz* Danke dir allerdings für die stetigen Erinnerungen und liebevollen Po-Tritte. 😀

      PS: Ich bin doch schon alt – müsste es nicht schon besser geworden sein? *g*

      Liebe Grüße,
      Katja

  • Isabel Falconer

    Liebe Katja,

    vielen Dank, dass Du Deine Erfahrungen mit uns teilst! Klasse, was Du aus dieser Krise auch bereicherndes mitnehmen konntest. Einen schönen Kurztrip wünsche ich Euch.

    Von Herzen alles Liebe und natürlich viel Erfolg mit Deiner Arbeit,
    Isabel

    • Katja Autor des Beitrags

      Liebe Isabel,

      WordPress hat am 23. Juli anscheinend einige Kommentare geschluckt, die ich gerade aus der Versenkung der Datenbank gefischt habe. Entschuldige bitte vielmals, dass du mehrmals kommentieren musstest und auch keine Antwort kam. 🙁

      Danke dir für diese tolle Blogparade, die mal wieder zum Reflektieren angeregt hat. 🙂 Der Kurztrip war echt schön – sogar er Laptop blieb größtenteils aus, obwohl ich eigentlich Arbeit fest eingeplant hatte. Das freie Wochenende tat aber mal richtig gut. <3

      Auch dir alles alles Gute – wir lesen uns sicher bald wieder. 🙂

      Liebe Grüße,
      Katja