iga.Report 32 - die gravierendsten psychischen Belastungen in der Arbeitswelt

Der jüngst veröffentlichte iga.Report 32 zum Thema „Psychische Belastung in der Arbeitswelt“ von Hiltraut Paridon und Jasmin Mühlbach, schlägt derzeit hohe Wellen unter Führungskräften. Den vollständigen Bericht kannst du dir hier kostenlos durchlesen. Für Ausbilder habe ich wichtigen Erkenntnisse dieses Berichts im Folgenden zusammengefasst.

Statistische Ausgangsbedingungen für den iga.Report 32 über die psychische Belastung in der Arbeitswelt

Die beiden Autoren haben Publikationen im Zeitraum von Januar 2000 bis April 2014 untersucht, bei denen folgende Einschluss- und Ausschlusskriterien zum Tragen kamen:

Einschlusskriterien

Von den 761 gesichteten Übersichtsarbeiten wurden nur jene in die Auswertung mit einbezogen, in denen

  • empirisch nachgewiesen werden konnte, dass es einen Zusammenhang zwischen psychischen Belastungen und Folgen gibt,
  • sie im Kontext zum Arbeitsleben stehen und
  • die Stichproben überwiegend in europäischen und nordamerikanischen Ländern genommen wurden.

Ausschlusskriterien

Nicht einbezogen wurden Untersuchungen,

  • bei denen es lediglich entweder nur um die Ursaschen oder Folgen psychischer Belastungen ging,
  • die nicht im Kontext zum Arbeitsleben standen oder Berufstätige untersuchten oder
  • deren Stichproben eben nicht überwiegend in europäischen und nordamerikanischen Ländern genommen wurden.
Nach dieser Filterung verblieben noch 164 Studien, die verwertet werden konnten. Deren Erkenntnisse und Vorkommen wurden folgendermaßen kategorisiert:
  • Körperliche Erkrankungen und Beschwerden 34%
  • Psychische Erkrankungen und Beschwerden 20%
  • Motivation und Affekt 20%
  • Gesundheitsverhalten 10%
  • Berufliche Performanz 7%
  • Familie und Freizeit 4%
  • Arbeitsausfall 3%
  • Sicherheit am Arbeitsplatz 1%
  • Soziales Verhalten am Arbeitsplatz 1%

wobei jede Studie mehreren Kategorien zugeordnet werden konnte, falls in einer Übersichtsarbeit mehrere Belastungsfolgen erwähnt wurden.

Im Anschluss daran wurden diese gewählten Folgeerscheinungen und Probleme noch einmal nach der genauen Art der Belastung gefiltert:

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Häufigkeit

Körperliche Erkrankungen und Beschwerden (63 Übersichtsarbeiten)

  • Kardiovaskuläre Beschwerden (20 Mal)
  • Gemischte physische Beschwerden (16 Mal)
  • Muskuloskelettale Beschwerden (15 Mal)
  • Schwangerschaft (5 Mal)
  • Biomarker (4 Mal)
  • Immunsystem, Krebsrisiko und Diabetes (je 1 Mal)

Für Ausbilder und Unternehmen relevante Erkenntnisse aus dem iga.Report 32 über die psychische Belastung in der Arbeitswelt im Zusammenhang mit körperlichen Erkrankungen und Beschwerden

  • Kardiovaskuläre Beschwerden wie ein hoher Blutdruck, aber auch eine Schwächung des Immunsystems, stehen in einem engen Verhältnis mit der Problematik, dass viele Arbeitnehmer eine sehr hohe Arbeitsbelastung haben, dabei aber nur geringe Handlungsspielräume.
  • Ein weiterer Auslöser für derartige Beschwerden ist die sogenannte Gratifikationskrise, bei der Personen deutlich schneller durch ihre Verausgabung erkranken, weil sie nur unzureichend dafür entschädigt werden. Eine angemessene Entschädigung ist dabei nicht immer eine höhere Ausbildungsvergütung bzw. ein höherer Lohn, sondern weitere Aspekte sind
    • eine ausbildungsadäquate Beschäftigung,
    • Weiterbildungs- und Karrierechancen,
    • aber auch persönliche Entwicklungsmöglichkeiten sowie
    • die Sicherheit des Arbeitsplatzes.
  • Kurze Phasen hoher Belastung können in der Regel einfach kompensiert werden, doch je länger diese Beanspruchung andauert und je höher der Grad der Belastung ist, umso stärker wirkt sich dies in körperlichen Beschwerden wie Bluthochdruck aus.
  • Neben dem Krankheitsbild Bluthochdruck können auch ein Schlaganfall, Angina Pectoris oder ein insgesamt schlechterer Gesundheitszustand eine Folge sein.
  • Muskuloskelettale Beschwerden sind häufig Folge von monotoner Arbeit, bei der ebenfalls eine hohe Arbeitsbelastung und geringe Handlungsspielräume weitere Einflussfaktoren sind.
  • Auch die fehlende soziale Unterstützung bei der Bewältigung stressiger Arbeitsspitzen können den körperlichen Gesundheitszustand negativ beeinflussen.
  • Durch lange Arbeitszeiten und Schichtarbeit steigt das Risiko einer Frühgeburt bei Schwangeren. Auch das Geburtsgewicht der Kinder kann in diesen Fällen geringer ausfallen.
  • Bislang gibt es keinen Hinweis auf einen Zusammenhang von Arbeitsstress und Krebs.
  • Bei Frauen gibt es ein erhöhtes Risiko an Diabetis zu erkranken, wenn Sie lange unter Arbeitsstress leiden, dabei aber nur geringe Handlungsspielräume haben.
  • Bei Männern hingegen liegt eine Ursache für Diabetis eher bei geringer Anerkennung bzw. einer Gratifikationskrise.

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Häufigkeit

Psychische Erkrankungen und Beschwerden (37 Übersichtsarbeiten)

  • Burnout (13 Mal)
  • Gemischte psychische Beschwerden (9 Mal)
  • Depression (8 Mal)
  • Trauma (3 Mal)

Für Ausbilder und Unternehmen relevante Erkenntnisse aus dem iga.Report 32 über die psychische Belastung in der Arbeitswelt im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen und Beschwerden

  • Große psychische Belastungen sind ein Risikofaktor für Burnout-Erkrankungen.
  • Wenn Mitarbeiter ihre wahren Gefühle nicht zeigen dürfen, sondern sich verstellen müssen, steigt das Risiko einer emotionalen Erschöpfung. Auch wenn es in der Studie nicht erwähnt wird, möchte ich an dieser Stelle auch das Phänomen Boreout erwähnen, bei dem eine ähnliche Symptome auftreten. Die Ursachen sind allerdings nicht die Überlastung durch die Arbeit selbst, sondern sich so zu verstellen, als wären sie ausgelastet durch ihre Arbeit. Daraus entsteht ein Kreislauf aus Stress, weil die Betroffenen ihre Tarnung immer aufrecht erhalten müssen.

Falls du jetzt die Braue lüpfst und dich fragst, wer denn von sowas betroffen sein sollte: Bei einer Studie aus dem Jahr 2007 gab schon jeder 7. Berufstätige an, durch seine Arbeit nicht ausgelastet zu sein. Das bedeutet natürlich nicht, dass auch jeder 7. an einem Boreout leidet – aber das Grundproblem – die Unterforderung durch den eigenen Job – gab es schon vor fast zehn Jahren.1

  • Ähnlich wie Bluthochdruck, können auch psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen durch eine Kombination aus hohen Anforderungen, geringem Handlungsspielraum und Gratifikationskrisen entstehen.
  • Menschen in Berufen, bei denen sie das (körperliche und seelische) Leid anderer Menschen mit ansehen oder lindern müssen, erkranken häufiger selbst an posttraumatische Belastungsstörungen und akute Belastungsreaktionen.
  • Die Autoren der Studie vermuten einen Zusammenhang zwischen Arbeitsstress und der Selbstmordrate – vor allem unter Einfluss von Depressionen.

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Häufigkeit

Motivation und Affekt (37 Übersichtsarbeiten)

  • Arbeitszufriedenheit/ Commitment (10 Mal)
  • Gemischte motivationale und emotionale Folgen (7 Mal)
  • Psychisches Wohlbefinden (6 Mal)
  • Kündigungsintention (5 Mal)
  • (Intrinsische) Motivation und Organizational Citizenship Behavior (je 3 Mal)
  • Engagement (2 Mal)
  • Voice Behavior (1 Mal)

Für Ausbilder und Unternehmen relevante Erkenntnisse aus dem iga.Report 32 über die psychische Belastung in der Arbeitswelt im Zusammenhang mit der Motivation

  • Die Arbeitszufriedenheit sinkt durch Konflikte im Berufsleben.
  • Sie ist allerdings ebenso abhängig mit der Art des Vertrages, der geschlossen wurde.

Laut Christa L. Wilkin2 sind Subunternehmern und -unternehmerinnen ähnlich zufrieden mit ihrer Arbeit wie unbefristete Angestellte. Über Zeitarbeitsfirmen beschäftigte Personen und Angestellte mit befristeten Verträgen sind dagegen deutlich weniger zufrieden.

  • Negative Stressoren und Streit am Arbeitsplatz senken die Arbeitszufriedenheit und Verbundenheit zum Unternehmen, steigern allerdings zusätzlich das Risiko, dass jemand freiwillig kündigt.
  • Auch das Verhalten anderer Mitarbeiter, die beispielsweise ihre Macht missbrauchen oder sich Vorteile verschaffen, beeinflusst die Kündigungsabsicht und Arbeitszufriedenheit negativ.
  • Dafür kündigen Mitarbeiter deutlich seltener, die soziale Unterstützung im Unternehmen erleben.
  • Führungskräfte können das Wohlbefinden von Mitarbeitern durch ein wertschätzendes Führungsverhalten steigern.
  • Im Umkehrschluss sinkt das Wohlbefinden durch geringe Handlungsspielräume, hohe Anforderungen und wenig soziale Unterstützung.
  • Herausforderungsstressoren steigern die Motivation von Mitarbeitern.
  • Angestellte melden sich häufiger mit Feedback und konstruktiven Ideen, wenn ihr Arbeitspensum ausgeglichen ist.

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Häufigkeit

Gesundheitsverhalten (19 Übersichtsarbeiten)

  • Essverhalten (6 Mal)
  • Körperliche Aktivität (4 Mal)
  • Gemischtes Gesundheitsverhalten (3 Mal)
  • Gewichtszu- und -abnahme, Rauchen und Schlafqualität (je 2 Mal)

Für Ausbilder und Unternehmen relevante Erkenntnisse aus dem iga.Report 32 über die psychische Belastung in der Arbeitswelt im Zusammenhang mit dem Gesundheitsverhalten

  • Mitarbeiter, die wenig Handlungsspielraum haben, viel leisten müssen und lange Arbeitszeiten haben, treiben seltener Sport in der Freizeit.
  • Es ist sehr wahrscheinlich, dass eine ungesunde Ernährungsweise und Stress auf Arbeit zusammenhängen – die Studie bietet dafür allerdings keine gesicherten Erkenntnisse.
  • Dafür ist ein Zusammenhang zwischen Stress und dem Gewicht erkennbar, in dem beispielsweise Übergewicht eine folge langer Arbeitszeiten sein kann.
  • Auch Rauchen wird von hohen Arbeitsanforderungen und einem geringen Handlungsspielraum begünstigt.
  • Leider wirken sich all diese Einflussfaktoren auch auf die Schlafqualität aus.

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Häufigkeit

Berufliche Performanz (14 Übersichtsarbeiten)

  • Leistung (8 Mal)
  • Kreativität/Innovation (3 Mal)
  • Gruppenleistung (2 Mal)
  • Lernverhalten (1 Mal)

Für Ausbilder und Unternehmen relevante Erkenntnisse aus dem iga.Report 32 über die psychische Belastung in der Arbeitswelt im Zusammenhang mit der beruflichen Leistung

  • Die Arbeitsleistungen sinken durch eine Überlastung im beruflichen Alltag.
  • Die Leistung kann allerdings durch positive Herausforderungsstressoren steigen.
  • Es gibt wissenschaftliche Anzeichen dafür, dass die Kreativität und Innovation ebenfalls im Zusammenhang mit den Arbeitsbedingungen stehen.
  • Der Zusammenhalt von Gruppen steigt bei einem geringen Handlungsspielraum, wodurch die Gruppenleistung insgesamt steigt.

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Häufigkeit

Familie und Freizeit (7 Übersichtsarbeiten)

  • Arbeit-Familien-Konflikt (4 Mal)
  • Auswirkungen auf Erziehung/Kinder (2 Mal)
  • Abschalten nach der Arbeit  (1 Mal)

Für Ausbilder und Unternehmen relevante Erkenntnisse aus dem iga.Report 32 über die psychische Belastung in der Arbeitswelt im Zusammenhang mit der beruflichen Leistung

  • Überlastung im Beruf, kombiniert mit unflexiblen Arbeitszeiten, hohen Arbeitsanforderungen und wenig Handlungsspielraum begünstigen Arbeit-Familien-Konflikte, wodurch letztlich auch die Arbeitsleistung sinkt.
  • Durch derartige Faktoren schalten Betroffene nach der Arbeit schlechter ab.
  • Leider wirken sich derartige Konflikte – aber auch die Überlastung an sich – auch auf die Erziehung von Kindern sowie deren Wohlbefinden aus.

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Häufigkeit

Arbeitsausfall (5 Übersichtsarbeiten)

  • Absentismus (2 Mal)
  • Kündigung (2 Mal)
  • Frühberentung (1 Mal)

Für Ausbilder und Unternehmen relevante Erkenntnisse aus dem iga.Report 32 über die psychische Belastung in der Arbeitswelt im Zusammenhang mit dem Arbeitsausfall

  • Es gibt einen Zusammenhang zwischen Fehlzeiten, die nicht auf Krankheiten zurückzuführen sind und eine geringe soziale Unterstützung.
  • Die Kündigungsabsicht von Mitarbeiter wird durch Bedrohungsstressoren am Arbeitsplatz und Arbeitszufriedenheit verstärkt.
  • Auch der Wunsch nach einer Frühverrentung wird dadurch begünstigt.

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Häufigkeit

Sicherheit am Arbeitsplatz (2 Übersichtsarbeiten)

  • Arbeitsunfall/Sicherheitsverhalten (2 Mal)

Für Ausbilder und Unternehmen relevante Erkenntnisse aus dem iga.Report 32 über die psychische Belastung in der Arbeitswelt im Zusammenhang mit der Sicherheit am Arbeitsplatz

  • Durch Bedrohungsstressoren steigt das Risiko von Verletzungen und Beinahe-Unfällen am Arbeitsplatz, da die Sicherheitsvorschriften seltener eingehalten werden.

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Häufigkeit

Soziales Verhalten am Arbeitsplatz (2 Übersichtsarbeiten)

  • Aggression am Arbeitsplatz (1 Mal)
  • Gruppenkohäsion (1 Mal)

Für Ausbilder und Unternehmen relevante Erkenntnisse aus dem iga.Report 32 über die psychische Belastung in der Arbeitswelt im Zusammenhang mit dem sozialen Verhalten am Arbeitsplatz

  • Aggressionen gegen Vorgesetzte werden durch eine mangelhafte organisationale Gerechtigkeit gefördert.
  • Die Ursachen von Aggressionen gegen Kollegen und Führungskräfte können in personenbezogenen Faktoren, aber auch Fehlbelastungen bei der Arbeit liegen.
  • Der Zusammenhalt von Gruppen ist von der Aufgabenkomplexität und dem Handlungsspielraum abhängig, weniger hingegen von personenbezogenen Faktoren.
  • Der Zusammenhalt in virtuellen Teams ist meistens nicht sehr eng.

Fußnoten

  1. Quelle: Gesundheit.de
  2. Quelle: I can’t get no job satisfaction: Meta-analysis comparing permanent and contingent workers

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