„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ ist nur einer der vielen Sprüche, die Teilnehmer mir entgegenraunen, wenn sie über Übungsprüfungen schmoren oder versuchen, sich die vielen gesetzlichen Regelungen rund um die Ausbildung einzuprägen. Auch im Bekanntenkreis höre ich manchmal Aussagen wie:

  • Als Erwachsener lernt man einfach nicht mehr.
  • Wieso sollte ich das lernen?
  • Lernen macht keinen Spaß.
  • Ich konnte das schon früher nicht!
  • Dafür bin ich eh zu doof!

Aber ist es wirklich so einfach? Können Erwachsene schlechter lernen als junge Menschen?

Erwachsene lernen anders!

Eine Tatsache ist, dass sich Lernverhalten im Laufe des Lebens verändert: während Kinder und Jugendliche episodisch lernen, benötigen Erwachsene Anknüpfpunkte an ihr Vorwissen und lernen somit eher strategisch. Aber auch eine hohe Motivation ist wichtig, um günstige Bedingungen für einen Lernerfolg bei Erwachsenen zu schaffen. Dazu zählt auch, dass du als Dozent oder Ausbilder folgende Einflussfaktoren beachtest:

Lerntyp

Weder bei einem Lernenden noch bei einer Gruppe ist es ausreichend, einen Sinn bei der Wissensvermittlung anzusprechen. Grund hierfür ist, dass jeder Mensch andere Wahrnehmungsmuster1 hat bzw. viele von uns sogenannte Mischtypen sind. Daher ist es wichtig, deine Teilnehmer

  • zuhören,
  • etwas ansehen,
  • sprechen und
  • etwas tun zu lassen,
  • aber auch Emotionen bei Ihnen zu wecken.

Mein Unterricht ist daher viel mit erzählen verbunden – wobei gerne auch mal herzlich gelacht, geschimpft oder (sehr selten auch mal) geweint wird. Je intensiver die Gefühle in solchen Momenten sind, umso besser wird auch der damit verbundene Lernstoff gemerkt. Darüber hinaus müssen meine Teilnehmer sich die meisten Inhalte mit mir gemeinsam erarbeiten und die daraus resultierenden Ergebnisse mit der Hand aufschreiben – dadurch schmerzen zwar vielleicht die Finger, aber die Lernerfolge sind höher als beim Verteilen eines Scriptes.

Geschlecht

Auch wenn beide Geschlechter es vielleicht nicht hören möchten: Mann und Frau lernen unterschiedlich2. Daher ist es beispielsweise wichtig zu beachten, dass …

  • Frauen oftmals ernsthafter, perfektionistischer und formaler an das Lernen gehen – notfalls sogar versuchen einfach auswendig lernen. Männer hingegen wollen in der Regel nicht einfach auswendig lernen, sondern sich fundiertes und anwendbares Wissen aneignen. Um einen guten Kompromiss für beide zu finden, solltest du auf viele Übungen mit Transferleistungen setzen, damit sich das Wissen festigt und auf Alltagssituationen übertragen wird.
  • Frauen sind beim Lernen – aber auch beantworten von Prüfungsfragen oftmals kommunikativer, während Männer sich gerne auf wenige Worte beschränken. Je nach Prüfungsumfang solltest du deine Teilnehmer entsprechend darauf vorbereiten, entweder genug zu schreiben oder in der Kürze der Zeit das Wichtigste wiedergeben zu können. Darüber hinaus sollten beide Geschlechter auf ein möglichst breites Spektrum an Aufgabenstellungen vorbereitet werden.
  • Apropos kommunikativer. Vielen Frauen fallen Sprachen und geisteswissenschaftliche Fächer leichter, dafür finden sich Männer meistens besser in naturwissenschaftlichen Themen zurecht. Je nach Fachgebiet und Geschick deiner Lernenden, musst du ziemlich wahrscheinlich jeden individuell fördern, damit keiner auf der Strecke bleibt.
  • Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten: Beide Geschlechter können sich in der Regel gut Wissen über das visuelle Lernen aneignen. Achte daher auf ein strukturiertes Tafelbild, übersichtliche Folien arbeite mit Symbolen.

Motivation bzw. das „Warum“

Jugendlichen ist schon oftmals nicht ganz klar, warum sie etwas lernen sollen – doch sie fügen sich ihrem Schicksal. Bei Erwachsenen ist es dagegen unerlässlich, dass sie sich entweder selbst motivieren oder zusätzlich von dir unterstützt werden. Zeige daher genau auf, warum

  • die bisherigen Gewohnheiten bzw. Routinen entweder nicht mehr förderlich sind oder
  • das bereits erworbene Wissen nicht mehr ausreicht.

Kurz: Sie müssen wissen, warum sie das lernen müssen und was es ihnen bringt.

Biographie

Ein weiterer Aspekt sind die bereits getätigten Erfahrungen und das Vorwissen deiner Teilnehmer. Je nach dem wie erfolgreich sie bereits gelernt haben, werden sie mehr oder weniger positiv auf die neue Situation im Seminar reagieren. Vor allem wenn du den Eindruck hast, dass es früher zu Problemen kam, helfen oft Zuspruch und zusätzliche Übungen, um das Lernen wieder zu lernen. Darüber hinaus sind Faktoren wie Beruf und die Familie Einflussfaktoren auf den Lernerfolg.

Hilf deinen Teilnehmern dabei, einen Kompromiss zwischen ihren täglichen Aufgaben und deinem Seminar zu finden. Versetz dich in ihre Situation und überlege, wie du dich in ihrer Situation fühlen würdest, bevor du dich eventuell über fehlende Lernerfolge beklagst.

Lernumfeld

Nicht nur Zuhause, sondern auch in deinem Seminarraum sollte eine angenehme Lernatmosphäre herrschen. Achte darüber hinaus darauf, dass es nicht zu warm und nicht zu kalt ist. Nicht jeder Mensch fühlt sich bei jeder Temperatur wohl, daher ist es wichtig einen Kompromiss zu finden, mit dem alle Teilnehmer leben können. Lüfte zudem regelmäßig, damit frische Luft und Sauerstoff in das Zimmer kommen.

Deine Aufgabe ist es, die Vorurteile gegen das Lernvermögen von Erwachsenen abzubauen

Zugegeben, das klingt etwas hochtrabend, aber der Kern ist wahr: Als Ausbilder und Dozent ist es deine Aufgabe, deine Teilnehmer von ihrem jeweiligen Wissenspunkt abzuholen und die „Reise“ durch den Lernstoff gemeinsam anzutreten.

Der Begriff „Lebenslanges Lernen“ ist nicht ohne Grund in den letzten Jahren in aller Munde, denn heutzutage reicht es nicht mehr aus, irgendwann mal eine Ausbildung abgeschlossen zu haben! Der kulturelle, wirtschaftliche und technologische Wandel erfordert einfach eine stetige Fort- und Weiterbildung.

Vor allem zu Beginn neuer Kurse merke ich es oft, dass es älteren Teilnehmern schwerer fällt, in die Themen einzutauchen und gerade bei abstrakten Aspekten, Anknüpfpunkte für ihr Vorwissen zu schaffen – doch hier komme ich dann als Dozentin ins Spiel: Meine Aufgabe ist nicht einfach nur Stoff zu vermitteln, sondern ihn so zu verpacken, dass er bei jedem ankommt.

Meine wichtigsten Tipps hierfür sind:

  • šBeziehe den Erfahrungshorizont und das Alltagswissen deiner Teilnehmer mit ein.
  • Stelle einen šBezug zur Praxis her.
  • šLies nicht einfach nur ein vorgefertigtes Manuskript vor, sondern erarbeite den Stoff gemeinsam mit den Teilnehmern.
  • Halte Blickkontakt – um sie zu ermuntern, zu dir zu schauen und nicht nur auf ihre Unterlagen oder in die Luft,
  • Lasse dir vor einem Einstieg in ein neues Thema die wichtigsten Begriffe definieren und suche gemeinsam nach Parallelen – das ist unerlässlich um Missverständnissen aufgrund eines unterschiedlichen Verständnisses der Termini vorzubeugen!
  • Biete alle Inhalte anschaulich und verständlich dar (unter Einbeziehung konkreter Fallbeispiele).
  • Zerlege den Lernstoff in kleine Lerneinheiten mit möglichst geringem Komplexitäts-, dafür aber steigendem Schwierigkeitsgrad.
  • Halte die Teilnehmer dazu an, dass theoretische Wissen in praktische Beispiele zu überführen.
  • Frage regelmäßig nach, ob noch Unklarheiten herrschen.
  • Sei aktiv und mitreißend, um deine Seminarteilnehmer ständig bei dir zu behalten und nicht an Tagträume zu verlieren.
  • Und das Wichtigste: wiederhole … wiederhole … wiederhole.
    • Sowohl zum Unterrichtsbeginn den Lernstoff des letzten Treffens,
    • sowie nach jedem Themengebiet die wichtigsten Inhalte und
    • so oft es möglich ist, führe eine große Wiederholungsrunde durch, bei der auch Lernstoff der weiter zurückliegenden Stunden abgefragt wird.

Warum? Weil unser Gehirn jeden Augenblick dazu gezwungen ist, zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen zu unterscheiden. Durch die ständigen Wiederholungen gehe ich sicher, dass die Vergessenskurve nicht erbarmungslos zuschlägt und sich zunehmend mehr Wissen festigt, damit es nicht direkt wieder verloren geht.

Hans kann doch noch lernen, was er als Hänschen versäumt hat

Wenn du diese Tipps beherzigst und immer im Hinterkopf behältst, dass Erwachsenenbildung andere Anforderungen an dich stellt, als der Unterricht mit Kindern, lernen Erwachsene genauso gut wie Jugendliche. Du glaubst mir noch nicht? Dann kannst du dir hier ansehen, wie gut Erwachsene bei IQ-Tests abschnitten. Der Webseitenbetreiber hat im Zeitraum von März bis Oktober 2015 4.000.000 Teilnehmern aus Deutschland die Chance geboten, an einem IQ-Tests teilzunehmen, mit überraschenden Ergebnissen: Durchschnittlich …

  • sind Frauen und Männer fast gleich intelligent.
  • wohnen in Hamburg, Kiel und Hannover Menschen mit einem höheren IQ als in Wiesbaden, Magdeburg und Erfurt. Spannend wäre als Ergänzung hierzu ein Blick in die Ergebnisse der Pisa-E-Studie, wo wiederum Sachsen Anhalt führt und Hamburg im Bereich Naturwissenschaften schlechter abschneidet.3
  • hatten die Altersklassen 31 bis 40, 41 bis 50 sowie 50+ einen deutlich höheren IQ als jüngere Menschen. Ich mutmaße, dass dies zum einen auf eine gewisse Erfahrung mit den Fragemethoden zurückzuführen ist, aber das den Erwachsenen andererseits auch ihr großer Erfahrungsschatz zu Gute kam.4

Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht? Oder hast du auch manchmal das Gefühl, selbst nicht mehr so aufnahmefähig zu sein? Ich freue mich auf deinen Kommentar! 🙂

Fußnoten

  1. Quelle: Dawna Markova: Wie Kinder lernen: Eine Entdeckungsreise für Eltern und Lehrer *
  2. Quelle: Jutta Arrenberg, Susann Kowalksi: Lernen Frauen und Männer unterschiedlich? Eine Studie über das Lernverhalten von Studierenden
  3. Quelle: Pisa-E-Studie, Statista
  4. Bei dieser Auswertung wurden lediglich 100.000 IQ-Tests in dem o. a. Zeitraum beachtet.

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