Seminare durchführen

Warum Webinare in Vollzeit für mich keine Option sind

Katja Schönefeld, Dozentin und Ausbilderin

Sep 14, 2017

Hallöli 🙂

In den letzten Jahren werden E-Learning-Plattformen und Online-Kurse mittels Webinaren immer beliebter.

Bevor Missverständnisse beim Lesen dieses Textes aufkommen, möchte ich genau definieren worüber ich schreibe: Du lehrst oder lernst mehrere Wochen in Vollzeit (sprich acht Stunden am Tag) in einem virtuellen Klassenzimmer. Es geht nicht um Blended Learning (bei der Variante wechseln sich z. B. Webinare und Selbstlernphasen ab) oder kurze Webinare für dein Marketing.

Als ich selbst damit nur wenige Erfahrungen hatte, stellte ich mir das Ganze traumhaft vor:

  • viele Menschen bundesweit erreichen
  • ortsunabhängig und flexibel arbeiten
  • die Vorteile digitaler Klassenräume nutzen

Doch bereits nach dem ersten Vollzeit-Webinar für einen Bildungsträger wurde mir klar, dass diese scheinbar goldene Medaille auch eine große Schattenseite hat – und genau die möchte ich dir in diesem Artikel aufzeigen. Nicht, damit du keine Webinare durchführst, sondern damit du gewappnet bist für diese andere Art des Unterrichts.

Massenabfertigung

Die soziokulturellen Aspekte, die meiner Auffassung nach noch viel wichtiger als das Fachwissen über den Lernstoff sind, gehen bei Vollzeit Online-Kursen meiner Ansicht nach völlig verloren. Nicht, dass meine Teilnehmer durchgefallen wären, aber der Unterricht war nicht so befriedigend wie Präsenzunterricht. Es fühlt sich falsch an, wie Massenabfertigung – was definitiv nicht mein Ding ist.

In den letzten Jahren hat sich für mich herauskristallisiert, dass eine optimale Lerngruppengröße bei vier bis acht Personen liegt. Warum?

  • der persönliche Kontakt zu jedem Einzelnen kommt nicht zu kurz
  • es geht kein Teilnehmer unter
  • man kann jeden Teilnehmer mit seinen Besonderheiten wahrnehmen
  • Paar- und Gruppenarbeiten sind problemlos möglich
  • es besteht eine große Chance, dass sich die Seminargruppe nicht durch Grüppchenbildung selbst sabotiert
  • die Lernergebnisse sind in der Regel deutlich besser

Doch wer schon länger in der Bildungsbranche ist weiß, dass Bildungsträger natürlich aus wirtschaftlichen Gründen ein Interesse daran haben, so große Gruppen wie möglich zu bilden. Mein Negativ-Highlight waren 21 Erwachsene in einem Vorbereitungskurs auf die Ausbildereignungsprüfung. Vielleicht habe ich zu hohe Ansprüche an meinen Unterricht und dessen Auswirkungen auf die Zukunft meiner Teilnehmer – aber ganz ehrlich, wie soll ich 21 Teilnehmer adäquat auf ihre Aufgabe als Ausbilder vorbereiten mit all den positiven und negativen Herausforderungen, die diese Arbeit mit sich bringt? Natürlich konnte ich sie so auf die Prüfung vorbereiten, dass alle bestanden. Aber ob sie deshalb gute Ausbilder sind? Das weiß ich nicht. Und genau das hinterlässt bei mir einen faden Beigeschmack.

Damals dachte ich aber noch, dass es einfach an mir läge. Vielleicht bin ich zu anspruchsvoll oder ungeeignet für Webinare? Doch nun absolviert mein Mann als Teilnehmer ein vierwöchiges Vollzeit-Webinar zu einem kaufmännischen Thema bei einem mir fremden Dozenten und da erlebe ich das Phänomen noch schlimmer:

  • viele Teilnehmer
  • die meisten davon integrieren sich nicht in den Unterricht, werden aber auch nicht in den Unterricht integriert
  • der Redeanteil des Dozenten ist viel zu hoch
  • der (nachhaltige) Lernerfolg stellt sich vermutlich nicht ein

Anonymität

Ein weiteres Grundproblem ist die Anonymität. Während ich in einem Präsenzkurs von

  • dem trauten Miteinander der Teilnehmer,
  • ihrem gegenseitigen Vertrauen (und dadurch den Mut zu reden)
  • und auch der gegenseitigen Motivation profitiere,

lernen sich die Teilnehmer eines Webinars meistens gar nicht richtig kennen. Sie wohnen an völlig verschiedenen Orten, haben sich noch nie gesehen und haben dadurch oftmals auch wenig Verständnis für die Befindlichkeiten des anderen. Oder anders gesagt: Sie interessieren sich gar nicht für das kleine Bild des anderen auf dem Display (sofern überhaupt mit Webcams gearbeitet wird). Warum auch – es gibt ja keine Gemeinschaft, sondern viele Einzelkämpfer, deren Namen man manchmal nicht mal kennt.

Es mag Themen geben, bei denen das okay ist – wie Programme kennenlernen. Aber bei pädagogischen Themen geht das für mich gar nicht. Vor allem bei Ausbildern und Aus- und Weiterbildungspädagogen wird oft vergessen, dass diese Menschen größtmögliche Handlungskompetenz für ihren künftigen Beruf erwerben sollen – nicht einfach nur eine Prüfung bestehen. Doch tiefgründige Gespräche und Diskussionen über Werte, ein wenig Gesellschaftskritik und persönliche Erfahrungen keimen in virtuellen Klassenzimmern nur schwer auf. Dadurch bleibt ein wichtiger Katalysator für Lernerfolge auf der Strecke.

Einseitige Beschallung

Wer schon mal in einem Seminar mit mir saß weiß, dass ich großen Wert auf Diskussionen, Austausch und die gemeinsame Erarbeitung des Lernstoffes lege. Ich möchte, dass meine Teilnehmer lachen, sich aufregen, notfalls auch mal weinen bei bedrückenden Themen – aber irgendwie Gefühle zeigen und gedanklich dabei sind.

In einem Webinar ist das Risiko allerdings hoch, dass man selbst viel redet. Durch die vorher beschriebenen Probleme der großen Teilnehmerzahl und Anonymität ist es deutlich schwerer echte Gefühle zu wecken. Dadurch fällt man, wenn man sich nicht ständig ermahnt, schnell in einen Beschall-Rausch, bei dem man einfach selbst redet, bis man eventuell mal hört, wie der Kopf eines Teilnehmers auf die Tastatur knallt. 😉

Eine weitere Herausforderung ist in meinen Augen, den verschiedenen Lerntypen gerecht zu werden. Bei Webinaren verfällt man schnell in einen Modus, in dem nur auditive und visuelle Wahrnehmungskanäle angesprochen werden – das ist für den Lernerfolg aber fatal.

Gruppenarbeiten moderieren

Um dieser Einseitigkeit vorzubeugen, bieten sich gelegentliche Gruppenarbeiten an. Doch während in einem Präsenzkurs die Gruppen in einem Raum verbleiben und ich von Tisch zu Tisch wandere, etwas verweile und zum Nachdenken anrege, habe ich in einem virtuellen Klassenzimmer verschiedene Unterräume. Wenn ich also in einem virtuellen Raum bin, höre ich nicht, was die anderen machen.

Natürlich sind alle Erwachsen – aber dennoch gab es eine Situation, bei der ich erst nach ca. 15 Minuten zu einer Gruppe stieß, weil ich vorher in anderen Räumen war und dort nur schweigen vorherrschte. Die Teilnehmer hatten die Aufgabe nicht richtig notiert und dann einfach eine Viertelstunde lang nichts gemacht, weil sie mich nicht belästigen wollten. Lieb von ihnen – aber schade um die Zeit. In einem Präsenzkurs hätte ich die Verwirrung der Teilnehmer gesehen und entsprechend reagieren können. Aber eine Webcam, sofern sie überhaupt eingeschalten ist, transportiert dies eben nicht.

Ablenkungen

Wie ich oben bereits schrieb, stellt sich der Lernerfolg bei einem Webinar für mich schwerer ein. Der Grund dafür muss aber gar nicht unbedingt in der Lernform selbst liegen. Auch Ablenkungen sind ein großes Problem. Während ich in einem Präsenzkurs noch halbwegs im Blick habe, was meine Teilnehmer gerade machen (oder auch nicht), ist das bei zig Kilometern Entfernung eher schwer. Natürlich könnte man nun sagen „Mensch, die sind alle Erwachsen, die sollen einfach zuhören.“ Aber ganz ehrlich?! Die meisten Erwachsenen werden wieder zu Kindern auf der Schulbank. Die Lieblingsthemen haben, bei denen sie aufpassen und dann vielleicht wieder stundenlang Löcher in die Luft starren oder etwas auf ihre Blätter kritzeln. Nur weil man erwachsen ist, heißt das ja nicht, dass man vor Langeweile oder Müdigkeit gefeit ist. Im reellen Leben kann ich als Dozentin dann allerdings mit einem Themen- oder Medienwechsel bzw. einer Übung das Ganze auflockern. Oder ich suche das persönliche Gespräch und frage nach Ursachen. Aber bei einem Webinar? Da kann jeder

  • surfen oder Videos schauen,
  • stricken,
  • lesen,
  • quatschen,
  • daddeln oder
  • abwesend sein

und du bekommst es eventuell nicht mal richtig mit.


Natürlich ist mir bewusst, dass dieser Artikel ziemlich motzig ist. Daher verrate ich dir in meinem nächsten Artikel Fehler die du vermeiden solltest, damit dein E-Learning Webinar ein voller Erfolg wird.

Hast du selbst schon mal längere Webinare durchgeführt oder hast in einem gesessen? Wie war deine Erfahrung damit?

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