Wie dir YouTube-"Stars" das Leben als Ausbilder erschweren können und wie du das für dich nutzen kannst   Kürzlich aktualisiert !


Wie dir YouTube-"Stars" das Leben als Ausbilder erschweren können und wie du das für dich nutzen kannst

In dieser Woche erschütterte ein YouTuber die Welt der seichten Unterhaltung mit einem Video, in dem er u. a. dazu aufrief, Schwule zu verprügeln. Ich möchte dessen Namen hier bewusst nicht nennen, da ich so jemandem auf meinem Blog keine Plattform bieten möchte, um seine Gedanken zu verbreiten. Besagter YouTuber ließ sich auf jeden Fall in einem mehrmenütigen Video über seine homophoben Gedanken aus. Auf niedrigstem Niveau.

Das Problem daran: Der Gute hat eine große Reichweite und seine Zielgruppe sind junge Menschen, die ihm nacheifern.

Vielleicht fragst du dich jetzt, was du daraus lernen kannst – schließlich kennst du den YouTuber vielleicht (noch) gar nicht, noch denkst du sowas.

Aber deine Auszubildenden kennen ihn mit Sicherheit und könnten sich durch eine falsche Motivation zu Straftaten oder andere Dummheiten hinreißen lassen.

Keine Lust oder Zeit die nachfolgende Textwand zu lesen? Dann klick auf das Video 🙂

Fernsehen ist out

Fernsehen ist für immer mehr Jugendliche inzwischen oldschool. Als ich selbst mal in einer meiner Klassen mit Minderjährigen fragte, ob sie noch fernsehen würden, kamen nur Antworten wie „Wah, da kommt doch nur Müll?!“ oder „Der Musikantenstadl ist doch was für Omas und Opas“. Einen ähnlichen Anhaltspunkt bietet eine Studie von Statista, in der Jugendliche befragt wurden, wie oft sie YouTube nutzen würden.1 Während es im Jahr 2015 noch etwa 60 % waren, die das Videoportal täglich nutzten, stieg die Zahl 2016 laut Hochrechnungen der Interviwer bereits auf 67 %. Meine persönliche Prognose für 2017 ist, dass die Zahl noch weiter steigt. Zum einen, weil das Fernsehprogramm einfach wirklich an den Bedürfnissen vieler junger Menschen vorbei geht und zum anderen, weil auf YouTube einfach ihre persönlichen Stars und Sternchen unterwegs sind. Diesen können sie durch Kommentare, Mails, Vlogs und soziale Netzwerke einfach deutlich näher sein, als Fernsehstars.

Die Anziehungskraft von YouTube ist also groß – ich selbst könnte es den Teenies gar nicht verübeln, denn auch bei mir gehört YouTube zu den großen Favoriten im Internet – sowohl privat, als auch berufsbedingt. Zwar schauen wir mit Sicherheit nicht dieselben Videos – aber die Plattform selbst darf man auf keinen Fall unterschätzen. Inzwischen gibt es so viele spannende und hilfreiche DIY- und Lernvideos – nur leider werden die meistens weniger schnell gefunden, als die seichte Kost der Unterhaltung von Trash-YouTubern.

Werde „cool“, in dem du „coole“ Sachen kennst

Falls du selbst regelmäßig auf YouTube surfst, kennst du sicher das Who’s Who der Videoplattform. Falls nicht, empfehle ich dir dringend, dich ein bißchen damit auseinanderzusetzen. Ich möchte damit nicht sagen, dass du Fan werden oder Stunden dort verbringen solltest – aber wenn du wissen willst, was deine Auszubildenden in ihrer Freizeit bewegt, mitreden und dadurch auch Einfluss nehmen kannst, ist das wirklich etwas wert. Zum einen, weil du so beispielsweise ein wenig die Wirkung von homophoben geistigen Tieffliegern abfedern kannst, zum anderen weil deine Auszubildenden sehen, dass du mehr bist, als jemand *Achtung dramatisch überzogen*,

  • der Samstag den Musikantenstadl schaut,
  • vom Leben sowieso keine Ahnung hat und
  • einfach mal seine Base chillen soll. 😉

 

Ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: Mein Auszubildender zeigte mir mal das Bild einer Vagina samt angeblicher Geschlechtskrankheit (alias der blauen Waffel) in einem Video. Im ersten Moment wusste ich nicht, ob ich weinen oder lassen sollte. Im zweiten gefiel mir aber die Chance und wir googelten zusammen, was es damit auf sich hat. So erfuhren wir zusammen, dass das einfach eine Fotomontage war und die blaue Waffel keine Geschlechtskrankheit ist. Ich hätte ihn natürlich auch auslachen können oder ihm erklären, dass er mich mit sowas verschonen soll. Aber warum? Für unser Miteinander waren die fünf Minuten Zeitinvestition viel förderlicher. Er hat dadurch nicht nur gelernt, dass er mit mir sogar über Vaginas reden kann, sondern auch, dass

  • man das Internet nicht nur zum konsumieren nutzen kann,
  • es dort tolle Seiten mit Wissen gibt,
  • das Internet aber auch voll von Fake-Informationen sein kann und
  • es daher so wichtig ist, dass man alles hinterfragt und nicht einfach ungefiltert weitergibt.

Damit habe ich gleich verschiedenste Schlüsselkompetenzen gefördert – ganz ohne Vorbereitung und irgendeine Ausbildungsmethode – und nebenbei noch menschlich gepunktet.

Die Vorteile dieser Herangehensweise: Warum es so wichtig ist, dass du die Interessen deiner Auszubildenden kennst

Fragst du dich immer noch, warum das alles so wichtig ist? Dann hier drei gute Gründe:

  • Wenn dein Auszubildender dich nur in deiner Rolle als Ausbilder, insbesondere Lehrer, wahrnimmt, wird der Lernerfolg beruflicher Inhalte wahrscheinlich geschmälert. Viel besser sind die Ergebnisse, wenn du für die jungen Menschen selbst zu einer Art Vorbild wirst – natürlich nicht im Vergleich zu einem YouTube-Sternchen, aber überleg mal zurück: Konntest du dir mit 16 vorstellen, irgendwann mal 30, 40, 50 oder sogar 60 zu sein? Ganz ehrlich, ich nicht. Die Menschen waren für mich einfach alt und für mich war es unvorstellbar, dass ich auch mal so alt bin UND Spaß im Leben habe. Wenn du deinen Auszubildenden also ein wenig zeigst, dass man auch mit 20+ noch eine richtig coole Socke sein kann, dann punktest du viel eher und hast deutlich mehr Einfluss- und Lehrmöglichkeiten. Denn falls du dich an mein Video über Lernen erinnerst: implizites bzw. unbewusstes Lernen macht einen großen Teil der Wissensaneignung aus. Und von wem lernen wir gerne? Richtig, wenn wir jemandem vertrauen und ihn toll finden.
  • In dem Fall meiner Artikeleinleitung lernen junge Menschen leider falsche Dinge. Intoleranz, Hass und fehlende interkulturelle Kompetenzen sind ein wirkliches Problem für dein Unternehmen – vor allem wenn ihr etwas größer seid und vielleicht dort genau die Menschen arbeiten, die gerne als Feindbild geistiger Tiefflieger genutzt werden. Daher ist es wichtig, dass du etwas im Blick behältst, was auf YouTube und Co. gerade in ist.
Einen guten Hinweis darauf geben die Youtube-Trends. Dort findest du die beliebtesten Videos der letzten Stunden mit den meisten Klicks. Ich will nicht sagen, dass die Videos gut sind – aber sie sind nicht umsonst in den YT-Trends. Aktionen wie Gegenstände mit 1000°C heißen Messern durchschneiden oder in Essen zu baden finde ich persönlich auch unsinnig. Aber bevor sich dein Auszubildender dabei filmt, wie er sich z. B. ein Tattoo mit einer Plasmaschneidanlage verpasst (ich weiß, überzogen und wahrscheinlich unmöglich, aber das Beispiel steht nur als Sinnbild für die Kreativität junger Menschen), wäre es sinnvoll das Thema einfach aufzugreifen. Es muss ja keine Lehrunterweisung darüber sein, sondern manchmal reicht schon ein kurzes, aber freundliches Gespräch oder das Aufgreifen der Gefahr in einer Arbeitsschutzunterweisung. Je humorvoller du es rüberbringst, umso eher kommt ihr ins Gespräch darüber und du erfährst, was dein Azubi darüber eigentlich denkt.
  • Aus der Aktivität im Internet ergibt sich noch ein weiteres Problem: Den jungen Menschen ist oft nicht klar, wie sehr sie als Aushängeschild für Unternehmen fungieren. Viele geben super stolz in ihrem Profil auf Social-Media-Kanälen an, in welcher Firma sie arbeiten. Solange sie sich vernünftig verhalten ist das auch kein Problem. Aber sobald sich der Auszubildende im Internet daneben benimmt wird es brenzlich. Richtig brenzlich. Möchtest du, dass dein Unternehmen z. B. dafür bekannt ist, dass dort Schwulenhasser, Nazis oder Dumme arbeiten? Das klingt jetzt vielleicht ein wenig krass – aber so wie gute Auszubildende ein positives Image deines Unternehmens schaffen, können sie es genauso gut (unbewusst) zerstören. Hasskommentare in sozialen Netzwerken, widerliche Bilder mit noch widerlicheren Sprüchen sowie peinliche Videos und Fotos sind nur ein paar Beispiele, bei denen ich selbst gerne schaue, was dieser Mensch im wirklichen Leben so treibt.

Die Vorteile dieser Herangehensweise: Warum es so wichtig ist, dass du die Interessen deiner Auszubildenden kennst

Was kannst du als Ausbilder tun?

Umso wichtiger ist es, dass deine Auszubildenden lernen, wie wichtig ihre Außenwirkung ist. Abgesehen davon, dass du dich wie gesagt ein wenig dafür Interessieren solltest, was deine Azubis beschäftigt, bieten sich auch Kurse über Social Media-Knigge an (falls du nicht selbst fit in dem Thema bist). Meine gute Bekannte Daniela von Azubiscout.com hat darüber nicht nur schon gebloggt, sondern bietet auch entsprechende Kurse an. Mit Sicherheit gibt es aber auch in deiner Nähe Bildungsträger oder Coaches, die sich darauf spezialisiert haben und Auszubildenden mit einer Prise Humor klar machen, wie wichtig gutes Benehmen im Internet ist UND das dort nicht alles so ist, wie es scheint.

Fußnoten

  1. Quelle: Statista: Wie oft nutzt du die Plattform YouTube?: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/453961/umfrage/nutzungshaeufigkeit-von-youtube-bei-jugendlichen-in-deutschland/; abgerufen am 5.3.2017

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